Sven Leiner

Im WM-Jahr 1974, ältere Fußballfreunde*innen werden sich daran sicher noch gut erinnern, macht Jürgen Leiner einen großen, zugleich einen recht gewagten Schritt. Er entscheidet sich beruflich endgültig fürs Wesentliche und konzentriert sich fortan einzig und allein auf den Weinbau. Für ihn ist klar: Sein sogenannter Mischbetrieb in Ilbesheim nahe dem pfälzischen Landau gehört ab jetzt der Vergangenheit an. Von diesem Schritt profitiert Jahrzehnte später Jungwinzer Sven Leiner, sein Sohn. Sein Herz schlägt ebenfalls für das Familienweingut, Tradition, doch zugleich auch für Bio. Für ihn keine Mode, kein Trend, sondern echte Lebenseinstellung. Entsprechend behandelt er Rebstöcke, Trauben, Moste bis in die Flaschen und letztendlich darüber hinaus. Die logische Folge: 2005 wird sein Betrieb bio-zertifiziert. 

Mit Akribie, Herzblut und klaren Zielen geht Sven mit seinem Team die Arbeit in den Weinbergen an der Südlichen Weinstraße und im Keller an. Zu ihren Verbündeten gehören Pflanzen wie Leguminosen oder Rhizobien. Sie sind Geschenke für Insekten, jedoch reichern sie auch die Böden mit Bakterien und weiteren Nährstoffen an. Auf ihre guten Dienste und wichtige Hilfe vertrauen sie, der Chef und seine Mannschaft, in den Parzellen. Bio eben – ökologisches Denken und Handeln von A bis Z.

Wir sehen die inzwischen seit 2011 auch „Demeter“-zertifizierten Naturweine aus der Südpfalz als außergewöhnlich und eigenwillig an. Bei „Falstaff“ wird das so auch gesehen. Wer Geduld mitbringt, wird diese individuellen, markanten, unverfälschten Weine zu genießen und zu schätzen wissen. Oder wie es beim renommierten Weinführer heißt: „Großes Winzerhandwerk!“ Dafür gibt es für den 40-jährigen Winzer in diesem Jahr, 2021, vier von fünf Sternen. Wer doch lieber in Punkten denkt: 91 bis 93 für ausgewählte Tropfen der „Kalkbank“ oder „Lehmdecke“ des Jahrgangs 2018.

Beim „Wine Advocate“ ist zu lesen: „This young guy is full of experimental spirit.“ Auf Deutsch: „Dieser Kerl ist voller Experimentiergeist.“ Und weiter: „These are wines for true wine lovers …“. Also „diese Weine sind für wahre Weinliebhaber“. Das Ergebnis von Bauchgefühl, Erfahrung, Leidenschaft, Handwerk, Hingabe, Wissen, aber auch von tiefster Überzeugung – über Generationen auf dem Gut. Seit mehr als 40 Jahren. Der Schwerpunkt liegt weiter auf den regionalen Rebsorten Riesling und Burgunder. Sven baut auf seinen 15 Hektar allerdings auch zu einem Drittel Rotweine an, darunter die spanische Rebsorte Tempranillo. Der Dornfelder wird ebenfalls von ihm kultiviert. Sowie den Chardonnay. Für den „Ausnahmeweinkönner“ gelten als Basis, Denke, Grundregel, Handwerk, Philosophie: „Wein soll nach unserem Verständnis stets ein Spiegel des Jahres sein, das sich im Weinberg ereignet hat.“ Für ihn ist das ein „komplexer Prozess, der bei der Rebenpflege beginnt und seine Fortsetzung im Keller hat“. Für den Pfälzer Winzer heißt das: „Am Ende sollen die Einflüsse in ihrem Zusammenhang zum Jahr schmeckbar sein. Dafür steht unsere ‘handwerk’-Serie. Sie kennzeichnet handwerklich gemachte Weine, die den Sortencharakter in typischer Weise widerspiegeln.“

Ein kurzer Blick auf die Lagen. Beim Gut auf die „Kleine Kalmit“, beispielsweise. Die höchste am Haardtrand gelegene, vorgelagerte Erhebung in der Rheinebene. Die Böden durchzogen mit Kalk- und Muschelresten eines Meeres vor geschätzt 27 Millionen Jahren. Ein Schatz. Das milde Klima der Pfalz ist ein weiterer. Beste Voraussetzungen für einen überzeugten, eingefleischten Bio-Winzer wie Sven Leiner „Ein guter Winzer ist immer auch ein guter Beobachter“, weiß er. Und zugleich auch ein guter Gärtner. „Im Weinberg bedeutet das, die natürlichen Prozesse und Metamorphosen unmittelbar zu betrachten und immer wieder aufs Neue daraus zu lernen“, so er. „Als Winzer bin ich, wann immer es möglich ist, im Weinberg und studiere aufmerksam den Pflanzenwuchs.“ Für den Ausnahmewinzer steht fest und davon ist er felsenfest auch überzeugt: „Ein gesunder Weinberg ist die Voraussetzung für authentischen Herkunftscharakter.“ Und um den Kreis zur Fußball-WM 1974 in Deutschland zum Ende hier zu schließen: charakteristische, meisterliche Weine, echte „Typen“, dank eines bio-handwerk-meisterlichen Winzers.

Copyright, ab 2021: Deutsche Weine & Das Rechtschreib- und Korrekturbüro „Die Anti-Fehlerteufel“ – Autor: Werner Herkert